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BOSTON, MASSACHUSETTS

Lucan Thorne presste seinen Mund an die warme, weiche Haut direkt hinter dem linken Ohr seiner Stammesgefährtin. Wenn er so mit ihr im Wohnzimmer ihres Privatquartiers im unterirdischen Hauptquartier des Ordens stand, fiel es ihm schwer, Gabrielle aus seinen Armen zu lassen. Stattdessen hielt er sie weiter fest und vernachlässigte dabei bewusst seine Pflichten als Anführer der Truppe von Stammeskriegern, um ihre Nähe noch einen Augenblick länger zu genießen. Er ließ seine Zunge über das kleine purpurrote Muttermal spielen, das sich auf der zarten Haut hinter ihrem Ohr versteckte, genau an der Stelle, die seine Fänge erst vor Kurzem durchbohrt hatten, als er und Gabrielle sich geliebt hatten.

„Was du wieder treibst“, murmelte sie. „Mach so weiter, und wir sind noch die ganze Nacht hier drin.“

Er grunzte und lächelte, während er weiter ihren Hals küsste. „Gar keine schlechte Idee. Treiben kann ich es die ganze Nacht, das solltest du ja wissen. Ist mit dir nie ein Problem.“

„Du bist schrecklich, weißt du das?“

Er fing ihr Ohrläppchen zwischen den Zähnen und biss leicht hinein. „Das hast du vor zwanzig Minuten nicht gesagt, als du mit mir unter der Dusche warst.

Oder davor, in unserem Bett. Oder als du deine langen, wunderbaren Schenkel um meinen nackten, rammelnden Arsch geschlossen hast. Da fandest du es gar nicht so schrecklich. Du warst zu sehr damit beschäftigt, zu kommen und meinen Namen zu schreien und dass ich nie mehr aufhören soll.“ Er versuchte erst gar nicht, seinen männlichen Stolz zu verbergen. Nicht, dass es nötig war, denn seine Erregung war in seinen hervorschießenden Fängen und der harten Schwellung in seiner dunklen Jeans nur allzu offensichtlich. Er konnte spüren, wie die Dermaglyphen unter seinem grauen T-Shirt vor Verlangen nach ihr pulsierten. „Korrigier mich, wenn ich mich täusche, aber hast du mich nicht an einem Punkt einen Gott genannt? Du fickst wie ein Gott, das waren, glaube ich, deine Worte.“

„Arroganter Mistkerl“, schnaubte sie, aber er konnte das Schmunzeln in ihrer Stimme hören.

Ihr leises Lachen wurde zu einem atemlosen, erschaudernden Zischen, als er mit den Spitzen seiner scharfen Fänge die Rundung ihrer Schulter entlangstrich. Er fuhr mit einer Hand in ihr dichtes goldbraunes Haar, und sie legte den Kopf zur Seite, um ihm besseren Zugang zu ihrem Hals zu gewähren. Ihre Fingernägel gruben sich in seine Schultern, als er mit seiner freien Hand unter ihr loses T-Shirt und den Bund ihrer Yogahose fuhr. Sie erzitterte, als er mit Mund und Zunge die zarte Linie ihres Halses entlangfuhr, und stieß ein kleines Stöhnen aus, als seine Finger in die samtige Spalte ihres Geschlechtes tauchten. Sie war immer noch feucht, immer noch scharf und herrlich empfänglich für Berührungen.

„Lucan“, keuchte sie. „Oh mein Gott... mein Gott...“

„Hmm, schon besser“, knurrte er und fing ihren Mund in einem leidenschaftlichen Kuss, während er sie rasch zu einem welterschütternden Höhepunkt brachte.

Als Gabrielle sich wieder erholt hatte, sah sie mit einem ironischen, aber befriedigten Blick zu ihm auf. „Kennt dein Ego eigentlich keine Grenzen, Vampir?“

Er grinste und hob eine dunkle Augenbraue.

„Wahrscheinlich nicht.“

Sie verdrehte die Augen, packte seine Hand und führte ihn aus ihrem Quartier. Er hätte sie noch die ganze Nacht lieben, ihr Lust bereiten können. Aber sobald die Dämmerung hereinbrach, gehörte er dem Orden und seiner wichtigen Arbeit, die alle Männer an Deck verlangte - selbst die Frauen im Hauptquartier, die sich als wertvolle Partnerinnen herausstellten in diesem Kampf gegen einen Gegner von solcher Bosheit, wie man ihn sich kaum vorstellen konnte. Einen Gegner, der es auf offenen Krieg anlegte.

Immerhin hatte dieses Böse jetzt einen Namen: Dragos. In den letzten Monaten hatte der Orden eine Menge über den Vampir Zweiter Generation und die Operation herausgefunden, die er seit Jahrzehnten betrieb - seit Jahrhunderten, um genau zu sein, während er sich hinter zahlreichen falschen Identitäten und heimlichen Bündnissen mit der Vampirbevölkerung versteckte. Aber es gab immer noch viel, was sie nicht wussten. Verdachtsmomente, die zu ernst waren, um ihnen nicht nachzugehen. Es war die aktuelle Mission des Ordens, Dragos' Verbündete aufzudecken, seine Zentrale zu lokalisieren und seine Bemühungen zu vereiteln, bevor er noch mehr an Boden gewann.

In der letzten Zeit hatten sie einige Erfolge zu verzeichnen, der letzte war die Störung einer Versammlung vor Montreal, wo Dragos und eine Gruppe seiner Verbündeten im Sommer zusammengekommen waren. Es war dem Orden noch nicht gelungen, den Zweck der Versammlung zu ergründen, doch die unerwartete Ankunft von einigen Kriegern an dem Ort, wo die Gruppe zusammengekommen war, hatte Dragos und seine Mitverschwörer gezwungen, sich zu zerstreuen.

Die Störung dieser Versammlung hatte dem Orden auch einen sehr unerwarteten Verbündeten eingebracht - zwei sogar, wenn dem Gen-Eins-Killer zu trauen war, den man gezüchtet und ausgebildet hatte, um Dragos zu dienen, und der sich seither dem Orden angeschlossen hatte. Lucan war immer noch nicht ganz von dem Vampir überzeugt, der sich Hunter, Jäger, nannte. Der Mann war kalt wie eine Maschine, verschlossen und distanziert. So, wie er aufgewachsen war - in einem primitiven Keller in völliger Abgeschiedenheit von jeder lebenden Seele außer dem Lakaien, den man ihm von Geburt an als Wärter zugeteilt hatte - , konnte man kaum von ihm erwarten, dass er sich schnell an Teamarbeit gewöhnte. Hunter hatte ihm bisher keinen Anlass gegeben, ihm zu misstrauen, aber für Lucan war er immer noch ein einsamer Wolf von zweifelhafter Herkunft, dessen Loyalität noch nicht auf die Probe gestellt worden war.

Aber die andere neue Verbündete, die sie den Entwicklungen in Montreal zu verdanken hatten, war ohne Frage ein Bonus für den Orden. Ihr Name war Renata, und sie war als Stammesgefährtin von Nikolai zum Orden gestoßen. Als Lucan und Gabrielle auf ihrem Weg zum Techniklabor am anderen Ende des labyrinthartig verzweigten Hauptquartiers an der Waffenkammer vorbeikamen, sah er dort Niko und Renata, die gerade miteinander wetteiferten, zwei Zielscheiben am Ende des Schießstandes zu vernichten. Der Waffennarr Niko hatte sich mit einer Frau zusammengetan, die sich mit automatischen Waffen bestens auskannte, doch die gemeinsamen Interessen des Paares beschränkten sich nicht nur auf Metall und Sprengstoff. Sie waren auch die Zieheltern einer verwaisten kleinen Stammesgefährtin namens Mira, die sie aus einer gefährlichen Situation in Montreal gerettet und an Kindes statt angenommen hatten.

Mit Niko und Renata im Schießstand waren Tegan, einer der ältesten Mitglieder des Ordens, und seine Stammesgefährtin Elise. Als Tegan Lucan und Gabrielle vorbeigehen sah, sagte er etwas nah an Elises Ohr, küsste sie und trat auf den Gang hinaus.

Er nickte Gabrielle grüßend zu, aber als seine smaragdgrünen Augen wieder auf Lucan fielen, blickten sie grimmig, er war ganz beim Geschäft.

„Hast du heute Nacht schon mit Gideon geredet?“

Lucan schüttelte den Kopf. „Wir waren gerade unterwegs zu ihm ins Techniklabor. Warum werde ich nur das Gefühl nicht los, dass das keine gute Nacht wird?“

„Schlechte Neuigkeiten aus Deutschland“, sagte Tegan und fuhr sich mit der Hand durch das lohfarbene Haar. „Du erinnerst dich doch an die Explosion, die Andreas Reichens Dunklen Hafen ausgelöscht hat?“

„Klar.“ Und wie Lucan sich erinnerte. In der Nacht, als Reichen und seine Familie bei einem Großbrand umkamen, der sein Anwesen dem Erdboden gleichgemacht hatte, hatte der Orden einen seiner besten zivilen Verbündeten verloren - einen wahren Freund. Sein Verlust hatte die Krieger schwer getroffen, und nicht nur, weil Reichen ihnen ein wichtiger Partner bei ihren aktuellen Bemühungen gewesen war, Dragos auszuschalten. Er war ein guter, ehrenhafter Mann gewesen und hätte den Frieden noch erleben sollen, den er mit seiner Arbeit mit aufgebaut hatte.

Tegans Ton war so ernst wie sein Gesichtsausdruck.

„Gideon hat heute einen Bericht aus Hamburg reinbekommen. Wie es aussieht, ist da drüben letzte Nacht schon wieder ein Dunkler Hafen in Flammen aufgegangen. Komplett niedergebrannt.“

„Herr im Himmel“, flüsterte Gabrielle und ergriff Lucans Hand etwas fester. „Hat jemand überlebt?“

„Nur einer“, sagte Tegan. „Einer der Agenten des Sicherheitsdienstes hat es geschafft, zu entkommen und den Angriff zu melden. Er ist einige Stunden später gestorben.“

„Hast du .Angriff gesagt?“ Lucan runzelte die Stirn, die Sache gefiel ihm überhaupt nicht. „Was genau wissen wir darüber?“

„Noch nicht viel. Gideon versucht immer noch, an die Informationen ranzukommen, aber die Agentur hält sich sehr bedeckt. Der Dunkle Hafen, der gestern Nacht zerstört wurde, gehörte einem ihrer Direktoren. Zivilist der Zweiten Generation namens Wilhelm Roth. Anscheinend waren er und seine Stammesgefährtin zu der Zeit nicht in der Stadt und haben Glück gehabt.“

Lucan kannte Roth nicht, aber er und der Rest des Ordens standen auch nicht gerade auf bestem Fuß mit der Agentur, weder hier in den Staaten noch im Ausland.

Der Orden hielt die Stammesvampire von der Agentur für aufgeblasene Angeber, denen mehr an ihrem persönlichen Nutzen gelegen war als an der öffentlichen Sicherheit, und für die Agentur war der Orden eine eiskalte Killerbande, die sich einen Dreck um Recht und Gesetz scherte.

Was zum Teil stimmte, wie Lucan zugeben musste. Weder er noch jeder andere seiner Brüder hatten etwas für die korrupte Vetternwirtschaft und die Vogel-Strauß-Taktiken übrig, die bei der Agentur als Recht und Gesetz durchgingen, und setzten sich daher grundsätzlich darüber hinweg. Sie wurden lieber aktiv und handelten. Wenn das bei Typen wie Wilhelm Roth und dem Rest der Agentur nicht gut ankam, taten sie gut daran, den Orden am Arsch zu lecken und sich aus der Schusslinie zu halten.

„Sehen wir mal, was Gideon für uns hat“, sagte Lucan, schon mit Gabrielle auf dem Weg in Richtung Techniklabor am Ende des Korridors.

Tegan begleitete sie, und Lucan musste an eine Zeit zurückzudenken - es war noch gar nicht lange her - , als er und sein Mitstreiter - beide jahrhundertealte Gen-Eins-Vampire - mehr Zeit damit verbracht hatten, einander an die Gurgel zu gehen, als ebenbürtig Seite an Seite zu kämpfen. Als die beiden nun mit Gabrielle das Techniklabor, den Konferenzraum des Ordens, betraten, wo sich die übrigen Krieger bereits versammelt hatten, sahen alle auf, als wäre die Luft mit der Ankunft der beiden ältesten, mächtigsten Mitglieder der Gruppe irgendwie dicker geworden.

Die drei Neuzugänge des Ordens, Kade, Brock und Chase, trugen die übliche schwarze Patrouillenkleidung, Doc Marten's mit dicken Gummisohlen und dunkle Jeans, schwarze Hemden, Lederjacken sowie ein Arsenal von halb automatischen Pistolen und Klingen an den Hüften.

Das Trio der ledigen Krieger hatte eine Menge der Routinearbeit übernommen, sie hatten die Nacht über in den abgelegenen Gassen von Boston Rogues gejagt, gefolgt von einer anderen Art von Jagd in den Clubs der Stadt.

Auch die anderen Krieger, die Stammesgefährtinnen hatten, leisteten ihren Beitrag für den Orden, aber wenn man sie so ansah - Rio, der neben seiner Stammesgefährtin Dylan saß, und Dante, der die Finger nicht vom Bauch seiner im sechsten Monat schwangeren Stammesgefährtin Tess lassen konnte, während er lässig mit Chase und den anderen herumflachste - , war offensichtlich, dass die Dinge sich im Hauptquartier zu ändern begannen. Sich zu entwickeln, dachte Lucan, als Gabrielle seine Hand losließ und hinüberging, um sich zwischen die kleine Mira und Savannah, der Gefährtin von Gideon, dem technischen Genie des Ordens, auf den Boden zu setzen. Lucans Herz krampfte sich ein wenig zusammen, als er zusah, wie seine Gefährtin lächelte und munter mit dem Kind und Savannah plauderte.

Die beiden rollten einen quietschenden Gummiball zwischen sich hin und her, spielten mit dem hässlichen kleinen Terrier, der Dante und Tess gehörte.

Die ganze Szene war verdammt nervenzermürbend.

Irgendwie fühlte sich das Hauptquartier in den letzten anderthalb Jahren immer weniger wie eine militärische Festung und immer mehr wie ein Zuhause an. Was Lucan ziemlich beunruhigte. Orte, wo Familien wohnten, konnten anfällig sein, besonders in Kriegszeiten. Er dachte an die beiden stolzen Dunklen Häfen in Deutschland, von denen über Nacht nur noch rauchende Trümmer übrig geblieben waren. Es war schwer, die Kälte abzuschütteln, die sich in seinen Eingeweiden ausbreitete, wenn er darüber nachdachte, wie schnell das Leben - und diejenigen, die er liebte - aufhören konnten zu existieren.

„Ich kann dir ansehen, dass Tegan dir die Neuigkeiten aus Hamburg schon erzählt hat“, sagte Gideon, rollte mit seinem Bürostuhl von seinen Computerkonsolen zu Lucan und sah ihn nüchtern über die Ränder seiner hellblau getönten Brille an.

„Willst du den wirklich üblen Teil dieser ganzen Sache hören?“

„Warum nicht“, meinte Lucan gedehnt.

„Ich habe ein bisschen in den Unterlagen der deutschen Agentur herumgehackt. Sieht so aus, als hätten die dort Probleme, ihre Jungs am Leben zu halten.“ Auf Lucans fragenden Blick fuhr Gideon fort.

„Allein in den letzten Wochen wurden neun Agenten ermordet, alle aus den Büros Berlin und Hamburg.“

Jetzt schaltete sich Tegan in das Gespräch ein, er kam herüber und warf einen Blick auf die Daten auf Gideons Monitoren. „Gezielte Anschläge, meinst du?“

Lucan hatte das Gleiche gedacht. Bis vor Kurzem hatten ausgebildete Gen-Eins-Killer wie Hunter unter dem Befehl von Dragos die ältesten Angehörigen der Vampirrasse aufgespürt und ermordet. Hatten sie jetzt etwa auch Angehörige der Agentur im Visier?

„Das ist anders, als wir es bei den zivilen Opfern gesehen haben“, sagte Gideon. „Diese Morde sind sorgfältig geplant - Scheiße, das sind die reinsten Kunstwerke, so effizient sind sie ausgeführt.“ Er rollte wieder zurück und tippte etwas in die Tastatur ein.

Auf einem Bildschirm erschien das Autopsiefoto eines übel zugerichteten, blutüberströmten Stammesvampirs, dem ein Teil des Schädels fehlte.

„Diese Agenturmorde sind brutal, sehr persönlich. Da wurde eine ganze Einheit Mann für Mann ausgelöscht, und es waren auch hochrangige Agenten darunter – von ganz oben in der Hierarchie, Direktorenebene. Jemand versucht da drüben, sich deutlich bemerkbar zu machen. Wenn du mich fragst, riecht das nach einem Vergeltungsschlag.“

Andreas war den ganzen Tag nicht aus der Bibliothek gekommen. Claire saß im Foyer vor der geschlossenen Flügeltür. Wenige Minuten nachdem er sie mit dem gebellten Befehl aus dem Raum gejagt hatte, hatte sie still auf einer kleinen gepolsterten Sitzbank Posten bezogen. Ihr Rücken schmerzte von der unbequemen Sitzgelegenheit, und sie war erschöpft, weil sie nicht gewagt hatte, länger als ein paar Minuten am Stück zu schlafen.

Was er da drin machte, wusste sie nicht. Sie wusste nicht einmal, ob er in Ordnung war. Vor ein paar Stunden hatte sie angeklopft, um nach ihm zu sehen, aber keine Antwort bekommen. Nun saß sie auf der kleinen Bank, die Beine angezogen, die Füße auf dem Polster und die Arme um die Knie geschlungen, und starrte die Tür des stillen Raumes an, als ob ein wildes, tollwütiges Tier darin wartete.

Es war fast Sonnenuntergang. Schon bald würde die Einheit der Agentur eintreffen, von Wilhelm herbeordert, um Andreas mitzunehmen.

Claire wusste, es war richtig gewesen, sich an Wilhelm zu wenden. Sie hatte das Einzige getan, das sie tun konnte - nicht nur für ihre eigene Sicherheit und die ihres Gefährten, sondern auch für Andreas selbst.

Die Angst, die sie letzte Nacht vor ihm gehabt hatte, war inzwischen vorsichtigem Mitgefühl gewichen. Er war jetzt so gebrochen. So erschöpft von seiner Wut.

Sie hoffte nur, dass er so vernünftig sein und die Agenten ohne Gegenwehr begleiten würde, wenn sie kamen. Wenn er Widerstand leistete... nun, daran durfte sie nicht einmal denken.

Mit einem leisen Klicken hob sich der Schnappriegel der Bibliothekstür. Claire sah auf, streckte die Beine aus und stellte ihre Füße auf den Boden des Foyers. Andreas kam aus dem Raum. Sein physischer Zustand hatte sich sichtlich verbessert, und obwohl er einen finsteren Blick in ihre Richtung warf, wirkte er ruhiger und erholter als noch vor ein paar Stunden. Vielleicht gab es Hoffnung, dass man vernünftig mit ihm reden konnte.

„Du bist immer noch da“, bemerkte er sichtlich ungehalten. „Ich hatte gedacht, du wärst inzwischen weit weg.“

„Nein“, murmelte Claire.

Andreas schnaubte höhnisch. „Roth muss doch eine Menge Schutzräume der Agentur in der Gegend kennen, wohin er dich hätte schicken können. Es wundert mich, dass du nicht bei der ersten Gelegenheit zu einem von ihnen abgehauen bist.“

Claire sagte ihm nicht, dass Wilhelm ihr befohlen hatte, im Landhaus zu bleiben. Es hatte sie zuerst beunruhigt, aber jetzt, als sie gezwungen war, Andreas' durchdringendem Blick standzuhalten, spürte sie eine Welle der Scham. Wie hatte sie nur denken können, dass ihr eigener Gefährte sie wissentlich einer Gefahr aussetzen würde. Natürlich war sie nie ein hilfloses Frauenzimmer gewesen, und Wilhelm hätte nicht von ihr erwartet, dass sie bei Andreas blieb, wenn er ihr nicht zugetraut hätte, die Situation in den Griff zu bekommen.

Diese Erkenntnis fühlte sich allerdings etwas hohl an, als sie sich erinnerte, in welch sarkastischem Tonfall er sie angewiesen hatte, alles zu tun, was nötig war, um Andreas für die langen Stunden festzuhalten, bis die Agenten eingetroffen waren. Du kennst ihn besser als die meisten. Dir wird schon etwas einfallen.

„Es muss fast Abend sein.“ Andreas' tiefe Stimme lief ihr wie elektrische Ströme über die Haut. „Was denkst du, wie lange Roth braucht, bis er hier ist?“

Claire blinzelte, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“

Er antwortete mit einem kalten Lächeln, nicht überzeugt. „Willst du mir wirklich weismachen, dass du ihn nicht um Hilfe gebeten und vor mir gewarnt hast?“ Als sie Anstalten machte, es abzustreiten, kniff er die Lippen zusammen. „Nur damit du es weißt, Claire, ich hoffe, du hast ihn gewarnt. Ich hoffe, du hast ihn gebeten, so schnell wie möglich herzukommen, denn ich habe weiß Gott vor, ein Ende zu machen.“

Ihr Blut gefror zu Eis. „Bist du wirklich so begierig zu sterben, Andre?“

Er stieß ein spöttisches Schnauben aus. „Ich bin hier nicht derjenige, um den du dir Sorgen machen musst.“

Bernsteinfarbene Funken blitzten in seinen Iriskreisen auf, und als er sprach, konnte sie die Spitzen seiner scharfen weißen Fangzähne sehen. Sie erinnerten sie nur allzu deutlich daran, dass seine Wut, auch wenn sie inzwischen etwas abgeflaut war, jederzeit wieder aufflammen konnte. Es mochte zwar sicherer sein, ihn anzulügen, aber sie hatte das Gefühl, dass sie ihm etwas Ehrlichkeit schuldig war, trotz aller Risiken. „Na gut. Ja, ich habe Wilhelm gewarnt. Ich bin im Traum zu ihm gegangen, als du im Keller warst, genau wie du gedacht hast. Aber dein fehlgeleitetes Rachebedürfnis wird noch etwas warten müssen, denn er kommt nicht.“

„Du hast ihm gesagt, dass ich hier bin?“

„Allerdings.“ Claire stand auf, als Andreas einen Schritt näher auf ihre Bank zukam. „Er ist mein Gefährte. Ich musste ihn warnen.“

„Du hast ihm von den Feuern erzählt? Von seinem Dunklen Hafen in Hamburg?“ Als sie nickte, wurden seine Augen schmal. Langsam kam er näher, drängte sie mit seinem riesenhaften Körper gegen die gepolsterte Bank, die sich von hinten fest gegen ihre Beine drückte. „Weiß er, dass du ganz allein mit mir bist, mir völlig ausgeliefert?“

Claire schluckte. „Das weiß er alles.“

Und trotzdem kommt er nicht.

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